Die Flucht von Martin Eichendorf: Wie er auf der Gefängnisinsel unentdeckt bleiben konnte

 Am 3. April 2017 entkommt Martin Eichendorf als erster und einziger dem Hochsicherheitsgefängnis Werra I. Nachdem der junge Journalist unschuldig 2 Jahre und 4 Monate in Haft verbracht hat, ist ihm endlich die Flucht aus dem Gefängniskomplex gelungen. Doch kaum, dass er es ins Freie geschafft hat, folgt der Schock: Martin stellt fest, dass er sich schon die ganze Zeit auf einer Insel befindet. Nur Momente nachdem ihm klar wird, dass er nicht entkommen kann, beginnen die Sirenen zu heulen – seine Flucht ist bemerkt worden. Das Gefängnispersonal strömt aus, um ihn wieder einzufangen.

Einmal ganz ehrlich: Seine Chancen stehen furchtbar. Martin läuft in Panik davon und versucht in einem Waldstück Unterschlupf zu finden – doch jedem vernünftigen Menschen muss klar sein, dass es für ihn kein Entrinnen geben kann. Das Gefängnispersonal wird die Insel komplett durchsuchen und ihn im Handumdrehen wieder aufstöbern. Dann werden sie ihn in Gewahrsam nehmen und zurück in seine Zelle sperren – oder sie erschießen ihn. Bei dem Gefängnisausbruch eines Schwerverbrechers eine legitime Maßnahme. Da es in der Anstalt Werra I durchaus rabiate und sadistische Wärter gibt, die nur auf eine Gelegenheit warten, Gewalt gegen Häftlinge anwenden zu dürfen, ist es durchaus möglich, dass gar nicht erst wieder eingefangen, sondern auf der Stelle erschossen würde.

Doch wie jeder weiß, der bereits mehr als die ersten paar Seiten von dem Roman Die Gefängnisinsel gelesen hat, gelingt es Martin entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, auf der Insel Xias unentdeckt zu bleiben. Einige Hinweise darauf, wie das möglich ist, gibt es ja bereits im Roman – doch da die Geschichte aus der Sicht von Martin Eichendorf erzählt wird, bleiben einige Details zwangsläufig unerwähnt, die dazu geführt haben, dass die Wärter ihn auf der Insel nicht aufgespürt haben und es als sicher galt, dass Martin im Meer ertrunken ist und sich nicht länger auf der Insel aufhält.

Fangen wir am besten an dem Punkt an, an dem Martin klar wird, dass er sich nicht auf dem Festland befindet: In diesem Moment kann er nicht fassen, dass seine Lage aussichtslos ist und so läuft er in Panik zu dem einzigen Hauch einer Chance, den er ausmachen kann: Ein Waldstück am Osthang der Insel. Als er den Wald erreicht, gehen die Sirenen los.

Damit hat er instinktiv bereits ein erstes Detail richtig gemacht: Da er sich am Waldrand aufhält, als seien Flucht bemerkt wird, hat er eine Chance die Flucht fortzusetzen – hätte er gezögert und sich noch in der Nähe der Gefängnismauer befunden, so hätten ihn die Scharfschützen umgehend erschossen, sobald sie die Meldung erhalten hatten, dass ein Gefangener als Wärter getarnt aus der Anstalt ausgebrochen ist.

Trotzdem stehen die Karten für Martin alles andere als gut: Mit aller Kraft läuft er hangabwärts durch den unerschlossenen Wald – obwohl er weiß, dass er auf der Insel gefangen ist und es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Suchtrupps ihn aufgegriffen haben werden.

Kurz darauf erreicht er die Küste. Jetzt kann er seinem Fluchtinstinkt nicht weiter folgen. Was kann er tun? Auf das Eintreffen der Wärter warten und sich mit gehobenen Händen ergeben? Aufs Meer hinausschwimmen und als freier Mann auf der Flucht ertrinken? Oder ein Versteck im Wald suchen? Martin entscheidet sich für die einzige Alternative, die noch einen anderen möglichen Ausgang zulässt als eine Gefangennahme oder aber seinen Tod. 

Bevor er zurück in den Wald läuft, lässt er seine Schuhe am Ufer zurück – in der Hoffnung, dass sie die Wärter auf eine falsche Fährte führen würden. Dann läuft er wieder nach oben, vermutlich auf demselben Weg, auf dem er kurz zuvor an die Küste gelangt ist. Da hört er, dass die Suchtrupps schon im Wald sind – und Suchhunde dabeihaben. Damit ist die Lage vollends aussichtslos: Selbst, wenn er es irgendwie fertigbringen würde sich vor den Wärtern zu verstecken, würden die Hunde seine Witterung aufnehmen und ihn verraten.

Trotzdem ist Martin nicht bereit aufzugeben. Er versucht die Suchtrupps akustisch zu orten und sich so gut wie möglich von ihnen wegzubewegen. Weit kommt er allerdings nicht: Direkt vor ihm führen Felsen einige Meter in die Tiefe. Um sie zu umgehen oder um zu klettern bleibt keine Zeit. In seiner Verzweiflung versucht Martin die steile Felswand herunterzugleiten – und stürzt ab. Er fällt in ein kaum zugängliches Dickicht.

Zwar ist der Aufprall schmerzhaft, doch Martin übersteht ihn ohne ernsthafte Verletzungen. Als er versucht sich nach diesem Sturz wieder aufzurichten, erkennt er den Eingang zu einer Höhle direkt am Fuße der Felswand. Trotz starker Schmerzen kriecht er ins Innere, um sich dort zu verstecken.

Jetzt ist er an einem Punkt angelangt, an dem er nichts mehr weiter tun kann: Er ist verletzt und kann seine Flucht zu Fuß nicht fortsetzen. Außerdem sitzt er nun in der Falle – sobald die Suchtrupps ihn aufgespürt haben werden, ist er in der Höhle vollkommen chancenlos.

Nur Momente später ist ein Suchtrupp in nächster Nähe: Oben auf den Felsen, vor dem Abgrund. Die Suchhunde schlagen an, da sie Martin Eichendorfs Spur bis zur Absturzstelle gefolgt sind und ihn wohl auch unten in der Höhle wittern. Trotzdem ziehen die Suchtrupps weiter, hinunter an die Küste.

Jetzt fragt sich natürlich, weshalb sie Martin Eichendorf nicht gefunden haben. Dass die menschliche Suchmannschaft ihn in der Höhle, die verborgen in kaum zugänglichem Dickicht liegt, nicht gefunden hat, ist durchaus plausibel. Doch wie kann es sein, dass er trotz dem Einsatz von Spürhunden unentdeckt geblieben ist?

An dieser Stelle ist Martin folgender Umstand zugutegekommen: Das Hochsicherheitsgefängnis Werra I ist – jedenfalls in der Theorie – erstklassig ausgestattet: Obwohl es auf einer kleinen Insel liegt, sind Spürhunde vor Ort. Nun existiert das Gefängnis zum Handlungszeitpunkt seit etwa 5 – 7 Jahren und bisher hat es noch keinen Ausbruch gegeben. Demnach sind die Hunde seither einfach nur für den Fall der Fälle im Zwinger gehalten worden. Vielleicht ist ab und zu einmal ein Trainer auf die Insel gebracht worden, aber Praxis haben die Tiere keine … vor allem aber sind die Wärter wohl nicht optimal im Umgang mit den Spürhunden geschult.

So haben die Hunde Martin zwar gewittert, aber die Suchmannschaft hat nicht entsprechend auf die Signale der Tiere reagiert. Nachdem die Spur an den Felsen geendet hat und sie Eichendorf nicht am Fuße der Felsen liegen sahen, konzentrierten sich die Männer lieber auf „handfeste“ Anhaltspunkte – wie seine Schuhe, die zeitgleich von einem anderen Suchtrupp an der Küste gefunden worden sind.

Mit diesem Fund – und der Tatsache, dass kein anderer Suchtrupp Martin Eichendorf im Wald aufgespürt hat – wird die Suche vorerst abgebrochen. Nun gibt es drei mögliche Szenarien: 

1) Martin Eichendorf ist nach wie vor auf der Insel

2) Er ist in Panik davongeschwommen und ertrunken

3) Er hatte Komplizen, die ihn unbemerkt von der Insel abgeholt haben

Am Wahrscheinlichsten gilt das Szenario Nummer zwei. Doch die größte Sorge bereitet der Anstaltsleitung das dritte Szenario, auch wenn es das Unwahrscheinlichste ist. Schließlich ist es die Aufgabe der Hochsicherheitsanstalt, gemeingefährliche Schwerverbrecher von der Gesellschaft fernzuhalten.

Damit liegen die Prioritäten der Anstaltsleitung einstweilen auf folgenden Punkten: Einerseits informiert das Gefängnis umgehend die Behörden über den Ausbruch, sodass in sämtlichen Häfen bei der Ankunft von Fähren, Booten und Schiffen besonders genau kontrolliert wird. Andererseits sucht das Gefängnispersonal die Gewässer rund um die Küste von Xias nach einem leblosen Körper ab. Falls sie eine Leiche entdecken, gäbe es Gewissheit, dass Martin Eichendorf kein Sicherheitsrisiko mehr darstellt.

Szenario eins hingegen wird aus zwei Gründen nicht priorisiert: Erstens scheint es unwahrscheinlich, da die Suchtrupps Martin nicht aufgespürt haben – und zweitens wird es als relativ unproblematisch eingestuft. Ein Häftling, der sich irgendwo auf der Insel herumtreibt, bereitet der Anstaltsleitung in Wahrheit keine ernsthaften Sorgen. Entweder wird er früher oder später wieder einfangen und, falls er sich doch verstecken kann, wird er eben nach einigen Tagen verdursten. Von der Insel entkommen, kann er jedenfalls nicht. Wenn er irgendwo im bewaldeten Teil der Insel verendet, ist er für die Gesellschaft keine Bedrohung mehr.

Während Martin also den ganzen Tag über verletzt in der Höhle ausharrt, ist die Anstaltsleitung damit beschäftigt mit den Behörden zu korrespondieren, während einige befugte Wärter mit den Schnellbooten der Anstalt die Meeresoberfläche rund um die Küste der Insel absuchen.

Da allerdings keine Spur von Martin Eichendorf gefunden wird, lässt die Anstaltsleitung die Insel in der Nacht ein zweites Mal durchsuchen. In der Dunkelheit wäre es für einen Häftling kaum möglich, im dichten Wald vor den Suchtrupps davonzulaufen. Um den Wald effektiver zu durchsuchen, wird für die nächtliche Aktion außerdem ein Helikopter mit Suchscheinwerfer angefordert.

Als die Suchmannschaft sich der Höhle nähert, schlagen die Spürhunde erneut auf Martin an. Daraufhin beginnen die Männer das Dickicht, das die Höhle bis dahin praktisch unzugänglich gemacht hat, mit Buschmessern niederzuschlagen. Als dann nach und nach die Felswand sichtbar wird, ohne eine Spur von Eichendorf, brechen sie die Aktion ab und ziehen weiter.

Weshalb sie nicht so lange weitergemacht haben, bis sie auch den verwachsenen Höhleneingang entdeckt hatten? Aus zwei einfachen Gründen: Erstens, weil es auf Xias – wie man später erfährt – durchaus mehr Waldfläche gibt als es ursprünglich scheint. Da die Suchtrupps in dieser Nacht mehrere Quadratkilometer unwegsamen Waldes durchkämmen müssen, können sie nicht beliebig viel Zeit bzw. auch Kraft investieren, um das Dickicht an dieser Stelle restlos niederzuschlagen. Das erklärt wohl auch, weshalb keine Suchhunde mehr vor Ort sind, während das Buschwerk kahlgeschlagen wird: Weil der Trupp mit den Spürhunden wohl schon weitergezogen ist, während ein anderer Trupp diese Stelle genauer untersucht. Da das Gefängnis wohl sehr viel mehr Wärter beschäftigt als es Suchhunde gibt, erklärt sich auch weshalb nicht jeder Trupp mit Suchhunden ausgestattet ist. Schließlich – und das ist der zweite Grund – rechnen die Männer gar nicht wirklich damit, dass Eichendorf tatsächlich noch auf der Insel ist. Wohl auch deswegen suchen viele von ihnen nur halbherzig. Außerdem darf man nicht vergessen, dass diese Durchsuchung auch für die Belegschaft von Werra I – von ein paar Hardlinern unter den Wärtern abgesehen – eher kein Vergnügen ist: Bei Nacht mehrere Quadratkilometer unwegsamen Waldes durchsuchen, ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern letztendlich auch gefährlich, da im Dickicht ein hohes Verletzungsrisiko besteht und vor allem da es auf Xias Steilklippen gibt, wodurch ein Fehltritt schnell tödlich enden kann. Insofern sind einige der Männer wohl auch daran interessiert, die Durchsuchung nicht mit übermäßiger Genauigkeit in die Länge zu ziehen.

Nachdem bei dieser nächtlichen Suchaktion keine Spur von Martin Eichendorf gefunden wird, betrachtet die Anstaltsleitung es als erwiesen, dass er sich nicht mehr auf der Insel aufhält. Es ist schließlich sehr unwahrscheinlich, dass er trotz zweier Durchsuchungen nicht gefunden worden ist. Also geht man davon aus, dass er bei der Flucht im Meer ertrunken ist. So wird es auch offiziell bekanntgegeben. Dennoch wird in den nächsten Wochen zur Sicherheit auf dem Festland nach ihm gefahndet.

Das Restrisiko, dass es Eichendorf doch gelungen ist sich irgendwo auf der Insel zu verstecken, scheint extrem gering. Davon abgesehen geht die Anstaltsleitung davon aus, dass er sich in diesem Fall nicht versorgen kann und sich somit entweder bald stellen wird, oder aber nach wenigen Tagen im Wald verendet. Eine weitere (kostenintensive und für das Personal letztendlich auch gefährliche) Durchsuchung der Insel wird daher nicht durchgeführt.

So ist es also dazu gekommen, dass Martin Eichendorf nach seiner Flucht unbehelligt auf der Gefängnisinsel weiterexistieren kann. Bestimmt ist ihm in den Stunden nach seinem Ausbruch das Glück mehr als einmal hold gewesen. Dennoch hat ihm so mancher glückliche Zufall nur weiterhelfen können, da er weitergekämpft hat! Hätte er aufgegeben als er festgestellt hat, dass er auf einer Insel ist, so hätte er seine Chance vertan. Doch er hat weitergemacht und sein Möglichstes getan – erst als er die Höhle entdeckt hat (das vermutlich beste verfügbare Versteck in diesem Moment), hat er (auch wegen seiner Verletzungen) entschieden sich dort versteckt zu halten und alles Weitere dem Schicksal zu überlassen.  Das war der Punkt, an dem er wirklich nichts mehr weiter tun konnte … und nicht der Moment, als er gemerkt hat, dass er auf einer Insel ist und (vermeintlich) nicht entkommen kann.

Das ist im Übrigen auch im echten Leben oft entscheidend: Dass wir weiterkämpfen, so lange es uns möglich ist – und nicht schon aufgeben, wenn unser Ziel vermeintlich unerreichbar ist.

Thomas Sailer als Martin Eichendorf im Film "Die Gefängnisinsel - Doku einer Flucht"


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