Die unwahrscheinliche Flucht von Martin Eichendorf

Fällt der Begriff „Gefängnisausbruch“, kommt fast unweigerlich eine Frage auf: Wie hat der Ausbrecher es geschafft dem Gefängnis zu entkommen? So ein Ausbruch ist immerhin etwas wofür es kein Patentrezept gibt. Wie man einem Gefängnis entkommen kann, hängt schließlich von der Situation in der jeweiligen Gefangenenanstalt ab. Erfolgreiche Ausbrecher erkennen oder schaffen eine Gelegenheit – und schrecken nicht davor zurück sie auch zu nutzen. 

So hat es auch Martin Eichendorf, die Hauptfigur aus dem Roman Die Gefängnisinsel, gemacht: Mehr als zwei Jahre lang war er in einem Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt. Vollkommen isoliert von der Außenwelt. Sehr oft hat er von der Freiheit geträumt, doch viel mehr als träumen, konnte er nicht tun. In seiner Zelle, praktisch aller Möglichkeiten beraubt, war es schlicht und einfach nicht praktikabel, einen hieb- und stichfesten Fluchtplan zu entwickeln. 

Natürlich wäre es angenehmer für ihn gewesen, wenn er Tag für Tag ein Stückchen weiter an seiner Flucht hätte arbeiten können – und damit einen linearen, klar erkennbaren Fortschritt erzielt hätte. Doch das konnte er nicht. Das Gefängnis war mit Sicherheit kein Ort, der auf sein Wohlbefinden hin optimiert gewesen wäre. Ihm blieb nichts weiter als die Haft als eine schier endlos lange, vollkommen perspektivenlose Durststrecke durchzustehen.

Jedenfalls bis an jenen schicksalhaften Tag, als er bei der täglichen Arbeit vollkommen unverhofft eine eingeschmuggelte Wärteruniform abfängt. Damit hat er erstmals einen Ansatz, den er nutzen kann um seinen Traum wahrwerden zu lassen und dem Gefängnis endlich zu entfliehen.

Jetzt könnte man natürlich einwenden, dass ihm diese Gelegenheit doch sprichwörtlich auf dem Silbertablett serviert worden ist. Tatsächlich ist es ein sehr unwahrscheinliches Ereignis, dass ein Sträfling bei Zerlegungsarbeiten in der Gefängniswerkstatt eine (für einen anderen Häftling eingeschmuggelte) Wärteruniform findet. Jedenfalls bestimmt nichts, worauf man hoffen darf.

Davon abgesehen scheint auf den ersten Blick auch der dramaturgische Aspekt mangelhaft. Martin Eichendorf, der erste und einzige, dem jemals die Flucht aus Werra I gelang – da erwartet man sich doch einen genialen, bis ins kleinste Detail durchdachten Fluchtplan. Doch den hatte er nicht. Er hat nicht jahrelang im Verborgenen an einem Tunnel gearbeitet oder kleinweise Utensilien gesammelt, die er für einen akribisch geplanten Ausbruch benötigte – beides war in diesem Gefängnis schlichtweg nicht möglich: Die Zellwände waren aus solidem Beton und persönliche Gegenstände waren den Insassen nicht gestattet – mitunter auch aus dem Grund, damit niemand etwas in der Zelle verstecken konnte. Es blieb ihm also nichts über als auf eine Gelegenheit zu warten – und genau das ist der Punkt!

Es war ganz sicher nicht Martins große Leistung, dass er diese Uniform gefunden hat. Das war nichts als Zufall – der ihm nun erstmals, nach 28 Monaten quälender Perspektivenlosigkeit, wieder zum Vorteil gereichte. Martin erkannte diese erste Gelegenheit, die sich ihm bot und handelte entschlossen – das ist es, worin seine erste große Leistung besteht!

Dieses fiktive Szenario, in dem Martin Eichendorf nichts tun kann, als eine Gelegenheit abzuwarten, ist eine Abstraktion der Wirklichkeit … eine Situation, die manchem Leser dieser Zeilen womöglich auch aus dem eigenen Alltag vertraut sein mag: Dieser Punkt, an dem du einfach nur noch „funktionierst“ und keine gangbare Möglichkeit siehst, aus diesem Schema auszubrechen, obwohl es dich stark belastet. Wenn du derart am Boden bist, kannst du keinen Ausweg aus dem Hut zaubern – weil dir gerade in dieser Situation schlichtweg die Macht fehlt, um hier, jetzt und sofort alles in deinem Sinn zu gestalten. Da nützt es auch nichts, wenn andere dir den gut gemeinten Rat geben, dass du dein Leben selbst in die Hand nehmen musst … denn, bildlich gesprochen, sitzt du in einer Gefängnis-ähnlichen Struktur fest, so in der Art wie Martin Eichendorf.

Das Entscheidende an diesem Punkt ist jedoch, dass du nicht aufgibst und die Augen nach einem Ausweg offenhältst. Genau das hat Martin Eichendorf getan: Er hat nie aufgehört, nach einer Ausbruchsmöglichkeit zu suchen, obwohl sein Lebenswille nach 28 Monaten im Hochsicherheitsgefängnis bereits auf eine harte Probe gestellt worden ist.

Jedenfalls ist Martins Flucht aus diesem Blickwinkel plötzlich gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Während der gesamten Zeit in Haft war die Flucht sein großes Ziel. Seine Vision. Andauernd hat er im Rahmen seiner kaum vorhandenen Möglichkeiten diese Idee fokussiert. Dann hat er die erste temporäre Sicherheitslücke genutzt, die seit seiner Inhaftierung aufgetreten war. Wäre es nicht diese Uniform gewesen, hätte er früher oder später wohl eine andere Sicherheitslücke ausfindig gemacht und sein Glück versucht. Ausschlaggebend war, dass er in dem Moment, wo die Gelegenheit schließlich da war, bereit gewesen ist … nicht bloß bereit den Versuch zu wagen – sondern auch bereit die Chance mit Sinn und Verstand zu nutzen.

Damit hat er einen ersten, jedoch sehr wesentlichen Schritt gegen diese lähmende Machtlosigkeit unternommen, die ihm keine bessere Möglichkeit ließ als auf eine zufällige Gelegenheit zu warten. Der Erfolg seiner Flucht besteht im Prinzip darin, dass er seine Freiheit ein Stück weit vergrößert hat: Ab sofort hat er nämlich die Möglichkeit, Gelegenheiten selbst aufzubauen. Langsam, stückchenweise, mit sehr bescheidenen Mitteln – doch seit seiner Flucht kann er seinen Fokus sehr viel aktiver darauf richten, sein Leben wieder in die gewünschten Bahnen zu lenken.

Diese Möglichkeit ist im Übrigen nicht Martin Eichendorf vorbehalten. Auch wenn dein Leben im Moment womöglich von äußeren Faktoren bestimmt scheint, wird es Gelegenheiten geben, um dir mehr Kontrolle über dein Leben zurückzuholen. Wichtig ist, dass du dafür bereit bist! 

Foto: Thomas Sailer als Martin Eichendorf im Film "Die Gefängnisinsel - Doku einer Flucht"



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