Die wahre Bedeutung der Gefängnisinsel

In dem Roman »Die Gefängnisinsel« bricht Martin Eichendorf nach mehrjähriger Haft aus dem Gefängnis aus – nur um festzustellen, dass sich der Gefängniskomplex auf einer Insel befindet und er seine Flucht nicht fortsetzen kann.
Wie gewonnen, so zerronnen – so hat es jedenfalls den Anschein. An diesem Punkt fragt man sich natürlich, ob es überhaupt einen Ausweg geben kann. Da kann man doch gleich aufgeben, oder? Alles andere ist doch aussichtslos. Martin Eichendorf gibt trotzdem nicht auf und versucht das schier Unmögliche: Den Gefängniswärtern auf der Gefängnisinsel zu entkommen.
Das ist mit Sicherheit ein sehr spannender Moment in der Geschichte. Aber ist das alles, was hinter dieser Idee steckt? Eine dramaturgische Fügung, damit die Flucht spannender wird? Oh nein, mit Sicherheit nicht!

Die fiktive Gefängnisinsel Xias ist eine Versinnbildlichung der Situation, für den Moment frei zu sein, jedoch auf Dauer nicht ausreichend Freiheit zu haben, um das eigene Leben wirklich erfüllt zu leben. Die Gefängnisinsel symbolisiert also ein instabiles Null-Level: Einen Zustand, in dem dich zwar akut nichts und niemand plagt, du aber auch kaum tun kannst, was dir im Leben wirklich Freude und Erfüllung breitet. Gleichzeitig droht das Abrutschen in den früheren Zustand, an dem du dich schlecht gefühlt hast, wodurch es weiter erschwert wird dieses Null-Level wenigstens eine Zeit über zu genießen.

Ein weltfremdes Szenario? Durchaus nicht! Auch wenn du in deinem ganz alltäglichen Leben prinzipiell frei bist – du kannst definitiv nicht immer tun wozu du Lust hast. Das mag weniger eine Rolle spielen, wenn es nur darum geht, dass du einem kurzfristigen Impuls nicht nachgeben kannst. Das ist nicht weiter schlimm – es hindert dich nicht daran, ein glücklicher, erfolgreicher Mensch zu sein.
Wenn das aber ein Dauerzustand ist – dass du ständig auf Kleinigkeiten verzichten musst, die in Summe letztendlich den Pepp in dein Leben bringen würden … oder du einen ganz bestimmten, großen Wunsch nicht erfüllen kannst, wodurch dein Lebensglück dauerhaft beeinträchtigt wird, dann befindest du dich auf einer symbolischen Gefängnisinsel. In Freiheit und doch gefangen. Eingeschnürt von Lebensumständen, die deinem Glück im Weg stehen und es Tag für Tag verhindern, dass du deine angemessene Dosis Lebensfreude abbekommst!

Ich selbst habe mich genau an diesem Null-Level befunden, als ich begonnen habe das Manuskript zu »Die Gefängnisinsel« zu schreiben. Das war im Januar 2017. Seit etwa einem Jahr war ich freischaffender Schriftsteller. Einstweilen hatte ich meinen selbstbestimmten, ungezwungenen Künstleralltag – allerdings lastete die finanzielle Instabilität schwer auf meinen Schultern. Es war an einem Vormittag, ich hatte gerade meinen Ofen angeheizt und mir eine Tasse Kaffee gegönnt. Ja – jetzt konnte ich das tun. Aber wie lange noch? Ich hatte keine Sicherheit. Im Moment war ich frei … aber absolut betrachtet war ich das keineswegs. Genau aus dieser Situation heraus ist am 21. Januar 2017 die Idee entstanden, diesen Zustand durch eine Gefängnisinsel zu versinnbildlichen. Der Grundstein für den Roman »Die Gefängnisinsel« war gelegt!
Davon abgesehen konnte ich dank dieser Erkenntnis meine Situation besser beurteilen und mich entsprechend darauf einrichten. Außerdem wusste ich dadurch eines: Es war okay, dass ich mich in meiner Lage eingeengt fühlte. Ich war nicht der Miesepeter, der seine Freiheit nicht genießen konnte, weil ich mit nichts zufrieden wäre – ich konnte meine Freiheit deshalb nicht genießen, da sie in Wahrheit eine Illusion war … und zwar eine Illusion, die über mir zusammenzubrechen drohte.

Diese Erkenntnis kann vielleicht auch dir weiterhelfen. Wenn du unglücklich bist, sind andere schnell mit dem Rat zur Stelle, du solltest doch einfach mit dem zufrieden sein, was du hast. Warum das? Ganz einfach: Weil es unkomplizierter ist, wenn du dich an die Umstände anpasst, als die Umstände an deine Bedürfnisse anzupassen. Besser du nimmst alles so wie es ist, als die Ärmel hochzukrempeln und deine Träume zu verwirklichen. Denn wenn du das versuchst, investierst du Arbeit, Energie und Zeit und hast dabei keine Garantie, dass es funktionieren wird. Eines kann ich dir an dieser Stelle aber garantieren: Wenn du diesen Rat befolgst, wirst du nie von deiner Gefängnisinsel entkommen!

Wenn du die Entscheidung triffst, deinen Traum nicht nur zu träumen, sondern zu leben, hast du einen ersten, wichtigen Schritt getan. Bravo! Im ersten Moment fühlst du dich großartig und steckst voller Motivation. Aber schon bald bemerkst du vielleicht, wie dich der Mut wieder verlässt. Obwohl du doch jetzt angefangen hast, deinen Traum zu verwirklichen, fühlst du dich leer und nicht erfüllt? Kein Wunder! Mit deiner Entscheidung und ein paar ersten Schritten hast du es fertiggebracht etwas Negativem entgegenzuwirken … allerdings noch nicht zwingend etwas (nachhaltig) Positives geschaffen. Die Freude darüber, etwas Negativem entkommen zu sein, währt leider nur kurz. Du musst schon weitergehen und von diesem instabilen Null-Level – der Gefängnisinsel – loskommen.
So ist es auch Martin Eichendorf ergangen: Die ersten Tage auf der Insel waren für ihn wie der Himmel auf Erden. Natürlich: Wer würde nicht sprichwörtlich vor Freude explodieren, wenn er nach Jahren aus einem furchtbaren Gefängnis entkommen ist? Doch allein das Entkommen-Sein ist auf Dauer nicht befriedigend … du musst deine Freiheit schon auch dafür nutzen, deine wirklichen Träume zu leben.

Zwar kann ich dir keine präzise Anleitung liefern, wie du von deiner ganz persönlichen Gefängnisinsel entkommen kannst – sehr wohl aber unzählige reflektierte Anregungen und Ansätze, die ich in die Geschichte von Martin Eichendorf eingeflochten habe. Schließlich habe ich den Roman nicht nur geschrieben, um zu unterhalten, sondern vor allem auch um zu inspirieren.

Foto: Thomas Sailer B.A.


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